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  • Axel Witzgall

Was ist eine generalisierte Angststörung?

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Vom leichten Schreckmoment bis zur generalisierten Angststörung – die körperliche Reaktion ist sehr ähnlich.

Frau mit einer generalisierten Angststörung

Doch was läuft falsch mit unserem Organismus, wenn sich Ängste verselbständigen und immer mehr Platz im Leben Betroffener einnehmen, so dass sie mittlerweile sogar noch weiter verbreitet sind als Depressionen?


Inhalt

  1. Angst und ihre Funktionen

  2. Normale Ängste

  3. Angststörungen

  4. Wann ist Angst krankhaft?

 

1. Angst und ihre Funktionen


Wir alle erleben hin und wieder Angst, die meist nach kurzer Zeit vorübergeht. In der Regel dann, wenn die Gefahr vorbei ist. Angst ist ein vollkommen natürlicher Schutzmechanismus, verbunden mit der schnellen, automatischen Bereitstellung von Energie sowie Ausschüttung von Stresshormonen.



Schutz vor Gefahren


Evolutionstechnisch betrachtet macht die Angst großen Sinn, denn sie bewahrt alle Menschen und auch Tiere vor Gefahren oder vor unbekannten Situationen, die eventuell gefährlich sein können. Die Arbeit dieses Warnsystems ist ein durchaus gesunder Vorgang. Das Stresserleben hängt lediglich mit der unangenehmen Emotion zusammen und der anschließenden Erschöpfung.


Heutzutage sind wir deutlich weniger echten Gefahren ausgesetzt, doch die Schutzfunktion des Organismus ist nach wie vor aktiv. Fehlalarme sind dadurch häufig und werden als Angststörungen bzw. Phobien bezeichnet.



Stressmuster-Analyse im persönlichen Kennenlern-Gespräch

Wann spricht man von einer generalisierten Angststörung?


Gerät unser Gefahren-Warnsystem außer Kontrolle, weil wir zum Beispiel durch Alltagsstress permanent angespannt sind, dann wird die Angst zum Selbstläufer. Betroffene erschrecken sich häufiger sogar bei Kleinigkeiten, zum Beispiel wenn das Telefon klingelt. Es liegen zwar keine wirklich erkennbaren Gefahren vor, doch der Organismus befindet sich in einer permanenten Alarmreaktion. Menschen mit Flugangst erleben diese extreme Anspannung vor und während einer Flugreise. Diese spezifische Art der Angst wird Phobie genannt.



Eine generalisierte Angststörung dagegen liegt vor, wenn Betroffene gar nicht genau sagen können, wovor sie sich eigentlich fürchten. Sie empfinden mehr oder weniger permanente Anspannung und sorgen sich vor allen möglichen Alltagssituationen sowie auch oft vor der Zukunft.



2. Normale Ängste


Ängste sind per se natürliche Reaktionen auf äußere oder innere Einflüsse, die uns – wie zuvor beschrieben – warnen oder zu einer Verhaltensänderung bewegen möchten. Ohne Ängste würden wir deutlich kürzer leben. Für die Psychologie ist die Unterscheidung zwischen gesunden (normalen) und ungesunden (krankhaften) Ängsten interessant:

  • Angst als normale und gesunde Emotion

  • Phobische Störung

  • Panikstörung

  • Generalisierte Angststörung

Sorgen und Lampenfieber


Die Sorge, wenn unser Kind von der Party zu spät nach Hause kommt, oder der Schreck, wenn uns die Kaffeetasse aus der Hand rutscht – beides sind unangenehme Gefühle und gesunde Arten der Angst, die jeder kennt. Diese Ängste oder Schreckmomente gehen nach kurzer Zeit wieder weg. Wir fühlen uns erleichtert und denken schon eine Stunde später kaum noch daran.

Auch das Unwohlsein von dem Flug oder der Präsentation vor großem Publikum sind leichte und vollkommen normale Ängste, beispielsweise durch das Gefühl, keine Kontrolle zu haben oder durch einen Blackout versagen zu können. Auch weit verbreitete Ängste wie vor Spinnen oder Höhe liegen meistens im normalen Bereich – auch wenn sie Kategorien im ICD-11 Krankheitskatalog zugeordnet werden können. Dies gilt allerdings dann nur für ausgeprägte Phobien, die das Leben einschränken. ​

ICD-11 Infobox: Weltweite Klassifikation aller Krankheiten der WHO
Quelle: Eigene Darstellung, nach WHO (https://icd.who.int/en), 2022

3. Angststörungen


Phobien


Phobische Störungen (Phobien) sind klar abgegrenzte Ängste vor bestimmten Dingen oder Situationen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie irrational sind, d.h. von ihnen eigentlich keine wirkliche Gefahr ausgeht.

Menschen mit sozialer Phobie fürchten sich vor anderen Menschen in der Angst, von Ihnen beobachtet, bewertet oder kritisiert zu werden. Betroffene haben ein geringes Selbstwertgefühl und meiden dadurch Situationen, in denen sie anderen begegnen.

Die Agoraphobie betrifft Personen, die sich außerhalb ihres Zuhauses unsicher fühlen. Sie meiden öffentliche Plätze, alleine unterwegs zu sein oder auf eine Veranstaltung zu gehen. Sie trauen sich nur dann raus, wenn sie sicher sind, dass sie jederzeit flüchten und an einen sicheren Ort zurückkehren können.

Die bekannteste Art der phobischen Störungen ist die spezifische Phobie, also die Angst vor ganz bestimmten Dingen oder Tieren wie Spinnen, Hunden, Aufzügen oder Höhe.

Wie zuvor beschrieben, ist eine gewisse Ausprägung dieser Ängste durchaus normal. Beeinträchtigen sie jedoch den Alltag über ein gewisses Maß hinaus, so dass z.B. Panikattacken oder Alpträume daraus entstehen, dann handelt es sich um eine Angststörung.



Panikstörung


Die extremste Form des Angsterlebens ist eine Panikattacke. Der Körper wird augenblicklich in eine Notsituation versetzt, die sich extrem belastend anfühlt. Manche Menschen glauben in dem Moment zu sterben, andere wiederum spüren eine äußerste Form der Verzweiflung.

Bei einer Panikstörung kommen diese Ängste immer wieder, Betroffene erkennen jedoch meist keinen konkreten Auslöser. In den meisten Fällen ist die äußerst negative Bewertung eines Körpergefühls oder Gedanken der Grund für eine Attacke. Aus einer Panikstörung entwickelt sich oft eine starke Erwartungsangst (Angst vor der Angst), da Betroffene sich davor fürchten, wieder eine Panikattacke zu erleben.



Generalisierte Angststörung


Ähnlich häufig wie die Panikstörung kommt in der Bevölkerung die generalisierte Angststörung vor. Diese ist durch ein permanentes Gefühl der diffusen Angst und körperlichen Anspannung charakterisiert. Oft ist diese Störung verbunden mit einer ausgeprägten Sorge um sich selbst und/oder Familienangehörige und Freunde. Die Sorgen drehen sich meistens um schwere Krankheiten, Katastrophen oder den Tod. Eine generalisierte Angststörung schränkt das Leben von Betroffenen ein, hinzu kommen häufig körperliche Symptome (Psychosomatik) wie Tinnutus oder Magenschmerzen.



Übersicht der Arten von Angststörungen
Quelle: Eigene Darstellung, nach Stiftung Gesundheitswissen 2019; Bandelow et al. (2014)

​4. Wann ist Angst krankhaft?


Personen, die Angst haben, wissen oft nicht, ob diese im normalen Bereich liegen oder bereits als krankhaft gelten und dadurch behandelt werden müssen. Grundsätzlich sollten Sie als Betroffene(r) in jedem Fall mit Ihrem Arzt offen darüber sprechen.

Dieser kann Ihnen einerseits bei der Abklärung helfen, körperliche Ursachen auszuschließen. Andererseits ist er ein guter erster Ansprechpartner, wenn es um weitere Betreuung wie z.B. eine Psychotherapie geht. Eine grobe Einschätzung, ob Ihre Angst eine Störung ist, können Sie anhand der folgender drei Faktoren vornehmen:



Intensität

Wie sehr belasten mich die Angstsymptome in meinem Alltag und auch nachts?

Beispiele: Die Spinne in der Wohnung erschreckt Sie zwar, das Problem ist aber meist schnell beseitigt und beschäftigt Sie nicht weiter. Jede Nacht schweißgebadet aufschrecken, ist jedoch meist auch für den folgenden Tag eine Belastung.


Stressmuster-Analyse im persönlichen Kennenlern-Gespräch

Häufigkeit und Dauer

Sucht mich die Angst regelmäßig heim, also mehrfach pro Monat oder sogar pro Woche? Und gibt es Nachwirkungen?

Die generalisierte Angststörung ist ein Extremfall, da die Angst (oft mit Pausen) fast durchgehend da ist. Morgens regelmäßig in einen angstbesetzten Gedankenkreislauf zu kommen, zählt auch sehr wahrscheinlich dazu. Eine Ausnahme vom Häufigkeits-Kriterium ist die Panikstörung: Diese ist auch dann ein Krankheitsbild, wenn Sie nur selten eine Panikattacke erleiden.



Beeinträchtigung

Werden wichtige Lebensaufgaben (der Job, das Kümmern um die Kinder, Einkaufen gehen usw.) von meiner Angst eingeschränkt?

Hier haben Betroffene meist eine sehr treffende subjektive Einschätzung, inwieweit ihre Ängste eher „nebensächlich“ oder doch „beeinträchtigend“ sind.


Mehr zum Thema Innere Unruhe - Ursachen finden und beheben

​und Burnout Prävention und Coaching


 

Über den Autor dieses Artikels

Axel Witzgall | Geprüfter Psychologischer Berater & ehemals selbst Betroffener
Axel Witzgall | Geprüfter Psychologischer Berater (ALH)

Als dreifacher Familienvater, hauptberuflich in der Technologiebranche, coache ich mitten aus dem Leben mit all seinen täglichen Herausforderungen, und nicht ausschließlich aus dem Lehrbuch. Die Grundlagen meiner Beratung bilden, neben der eigenen Erfahrung, mein Psychologie-Studium an der ALH-Akademie in Köln sowie Weiterbildungen als Achtsamkeits- und Meditationstrainer und in der Positiven Psychologie.


Vor einigen Jahren litt ich selbst an einem Burnout und einer generalisierten Angststörung. Das war ausschlaggebend für mein anschließendes Psychologie-Studium und meine Vision, anderen Menschen zu helfen und meine Praxis "Serenidad" (aus dem Spanischen: Gelassenheit) im Rhein-Sieg-Kreis nahe Köln/Bonn zu gründen.

Durch diese persönlichen Erfahrungen und hunderten Gesprächen, als Berater, aber auch früher als Patient, weiß ich - anders als viele Therapeuten und Ärzte - wie sich diese Lebenskrisen anfühlen, was man in den Zeiten braucht und was langfristig wirklich hilft.






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